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Süden

02/07/2010

Gestern Nacht habe ich vom Süden geträumt
Er war ein Herr mit silbernen Schläfen
Ich träumte, dass wir uns in einem Garten träfen
Ich mit Sonnenbrand und er vorgebräunt

He, Süden, sagte ich, wie schön
Dich endlich mal in echt zu sehn
Du und ich, wir sind vom selben Holz, das kann ich spüren
Du, willst du mich nicht heute noch entführen?
Er lachte: Vorher müsstest du mir einen Drink spendieren.

Ich machte möglichst unauffällig Kassensturz
So eine Gelegenheit ergibt sich ja nicht alle Tage
Und manchmal ist ein Getränk auch eine Geldanlage
Dann kommt halt ausnahmsweise die Miete zu kurz

Ungefähr beim dritten Glas
Nickte er mir zu: Wir schaffen das
Lass uns Pläne schmieden, die Gedanken sind so frei
Und zwischen uns, da dampft der ganz, ganz heiße Brei
Eine andere Welt ist möglich, komm, wir reden sie herbei

Lass uns eine Bewegung weg vom Klingelton begründen
Und auch so was wie ein wanderndes Tattoo erfinden
Den Flaneuren Unter den Linden tausend Buddy-Bären aufbinden
Dann die Schwerkraft überwinden, hinterm Horizont verschwinden
Dahin, wo es am schönsten ist
Dahin, wos am allerschönsten ist

Als ich das vernahm, war ich natürlich fasziniert
Ich sagte Alter Schwede und hört, hört
Und mein Gesprächspartner, der Süden, malte ungestört
Kreuze und Kreise auf mein Hemd, denn es war kariert

Dabei sprach er: Nun kennen wir uns schon
Ziemlich gut, also kurz zu meiner Person:
Meine Hobbys sind Erlebnisgastronomie
Und Erlebnisgastroenterologie
Außerdem noch Doktorspiele und das liebe Vieh

Ich bin der Beta-Blocker von Soho
Der Gigolo mit dem Piccolo
Ich bin die Entfernung zwischen dir und deiner Meinung
Bin deine Heilung, deine Peilung und deine Gebrauchsanleitung
Und all das exklusiv
Und lebenslang immer zum Schnuppertarif

Und ja: Ich bin das Opossum Dei
Der Schornsteinfeger von Pompeji
Der Pantoffelgladiator, der Netzstrumpfadministrator
Der Alligator unter dem Tschador und ein Star in Ulan Bator
Und all das bist auch du
Mach dich ruhig mal locker und gibs zu

Da war ich im Grunde gar nicht abgeneigt
Es ging mir nur alles ein bisschen schnell
Der Süden aber sagte: Schau, es wird schon wieder hell
Auf, auf, Genosse, noch ist nicht alles vergeigt

Noch können wir überall hin
Nach Jotwede, nach Nirgendwo, nach Mittendrin
Wir können auch in ein Online-Flirtportal rennen
Und uns dort Verschwitztes Riesenbaby nennen
Vielleicht lernen wir uns dann zumindest selber kennen

Zum Beispiel: Würdest du lieber mit ein paar Ostbräuten kegeln
Oder ganz allein mit mir durch die Rossbreiten segeln?
Ziehn wir zwei noch los, suchen nach den Resten der Rave Nation
Oder gehen wir zu dir, und du zeigst mir deine Playstation?
Schicken wir dem Pontifex ein Pipifax
Oder füttern wir Kommissar Rex mit Ohropax?
Danach könnten wir jedenfalls philosophisch werden
Und ein paar Sentenzen prägen und ein paar Beschwerden
Also wir haben die Pfandflaschen von unsern Kindern nur geliehen
Und unsere verfassungsmäßigen Freiräume haben wir konsequent verwanzt
Wir haben uns die Achtzigerjahre viel zu früh verziehen
Und rings um das Beet unserer Gefühle haben wir Herzrasen gepflanzt

Nun wäre ich gern allmählich aufgewacht
Doch der Süden hat mich bloß ausgelacht
Uns beide, rief er, eint ein unkaputtbares Band
Wir bleiben Partner selbst im kühlsten, dunkelsten Land
Weißt du, unter jedem Pflaster pocht doch der Strand

Und wie zwei alte Träume der Menschheit
Werden wir uns nun erstmal zur Ruhe begeben
Werden beieinander liegen und werden uns doch niemals kriegen
Ja, das nenne ich Leben
Mit Verlaub: das nennen wir Leben

(2005)

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From → Föntexte

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