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Palast der lernenden Jugend

08/07/2010

Im Palast der lernenden Jugend, da war es mit meiner Unschuld vorbei
Und du hattest deinen Anteil daran – nein, hattest du nicht? dann verzeih
Dann war es wohl ich ganz alleine, der das verbotene Schloss aufbrach
Das Schloss zum geheimen Lehrerzimmer ganz oben unter dem Dach
Dort lagerten all die täglichen Sprüche und all die Stempel „Versetzung gefährdet“
Ich verzehrte sie hastig und fühlte mich danach wunderbar gestärkt und geerdet
„Wenn du jetzt noch Fragen hast“, sagte ich dir, „zu Mathe, Französisch, Sozialkunde
So begrab sie rasch an der Biegung des Flusses, und dann machen wir eine Malstunde“
„Ich hab eine bessere Idee“, sagtest du, „wir gehen in den Anbau hinüber
Dort lehnst du dich nochmal so weit aus dem Fenster und bekommst den verdienten Nasenstüber“

Und es wird stiller im Palast
Wir waren dort ja nur zu Gast
So herrlich unangepasst
Oder fast

Im Palast der lernenden Jugend, da gabst du mir den ersten Kuss
Ich sagte: „Momentchen“, du fragtest: „Warum?“ und ich sagte: „Weil ich mal muss“
Auf dem Abort traf ich Roberto Blanco, sein Gesicht war käsig weiß
Ich fragte: „Sammeln Sie die Herzen?“ und er fragte: „Was soll der Scheiß?“
Ich sagte: „Nun, ich meine das eher symbolisch, so im Sinne von: Was macht die Kunst?“
Er sagte: „Die Kunst macht Kikeriki und außerdem viel blauen Dunst“
Ich rief: „Mensch, Roberto, Sie kennen ja Sprüche, wer hätte das gedacht“
„Man lernt nie aus“, ermahnte er mich, „viel Spaß noch und gute Nacht“
Das wollte ich dir alles erzählen und mir den Rest vom Kuss abholen
Doch du warst längst drüben im Ballsaal auf vorbildlich kessen Sohlen

Und es wird dunkel im Palast
Weil die Erinnerung verblasst
Und du mich schon vergessen hast
Oder fast

Im Palast der lernenden Jugend, da ging mir alles ein bisschen zu schnell
Ich studierte noch das Abendprogramm, du räkeltest dich schon auf einem Rentierfell
Und als ich mich dazulegen wollte, da warst du bereits unter der Haube
Ich fragte: „Hast du dir das gut überlegt?“ Du sagtest: „Naja, ich glaube
Hier, darf ich vorstellen, mein Bräutigam, ein gewisser Lukas Albrecht von Sindelfingen“
Ich murmelte etwas von Schicksalsfäden, die wohl von der falschen Spindel hingen
„Wenn ich richtig verstanden habe“, krähte Lukas Albrecht, „dann sehen wir beide uns vor Gericht“
Ich sagte: „Lukas Albrecht, du bist in meinen Augen ziemlich zu, aber nicht ganz dicht“
Und weil ich grad so schön in Fahrt war, wollte ich eine echte Standpauke folgen lassen
Doch du ließt dich von deinem Vater entschuldigen, und Lukas Albrecht war nicht zu fassen

Und es riecht muffig im Palast
Es riecht nach Anschluss verpasst
Und nach selbst abgesägtem Ast
Oder fast

(2007)

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From → Föntexte

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