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Der beste Arzt weit und breit

12/07/2010

„Die Ohrmuschel. Der einzige Teil unseres Körpers, der ein wenig nach Jugendstil aussieht.“ Wenn er sowas sagt in seinem samtweichen Bariton, dann fängts bei uns schon an zu kribbeln. Und er fährt fort: „Als nächstes werde ich eine kleine Sonde in Ihren Gehörgang einführen. Das wird ein bisschen wehtun, ist aber nicht unangenehm.“
Unsere Finger graben sich in die Armstützen des Behandlungsstuhls, Schauer laufen uns über den Rücken. Wir müssen jetzt ganz still halten, da kennt er kein Wenn und kein Aber. Es sich mit ihm zu verscherzen wäre töricht, denn er ist der beste Arzt weit und breit. Der kalte Stahl mit seinen scharfen Kanten, ach, das lässt sich ertragen. Schließlich ist es seine ruhige Hand, die ihn führt. Und unsere Tapferkeit bleibt ja auch nicht ohne Belohnung. Wenn er mit der Untersuchung fertig ist, verharrt er noch ein paar Augenblicke dicht über unser Ohr gebeugt und singt für uns diesen mitreißenden Refrain, bei dem uns immer so warm ums Herz wird.

Christine, Christine, auf deiner Knirscherschiene
Reisten meine kühnsten Träume durch die Nacht
Therese, Therese, mit deiner Hüftprothese
Im Mund bin ich heut morgen aufgewacht

Ja, das hören wir gern. Da machen wir große Augen. Und wie dann die Lehne des Behandlungs­stuhls sich elektrisch senkt, bis wir in Liegeposition sind. Und wie er uns dann eine nach der anderen abtastet und mit seinem schwarzen Stift auf unseren Körpern die neuralgischen Punkte markiert. Und wie er diese Punkte in stundenlanger Feinarbeit zu einem Gitter verbindet. Das macht ihm so schnell keiner nach. Er ist der beste Arzt weit und breit. „Hinter jedem Gitter“, sagt er, „verbirgt sich eine Bestie, die befreit werden will.“ Solche Sätze würden wir uns am liebsten sofort notieren, doch leider haben wir weder Stift noch Zettel zur Hand. Und ihn zu fragen – nein; was für ein Gedanke. Die einzige Bitte, die sich hier über unsere Lippen traut, ist, ob der Herr Doktor vielleicht noch einmal den Refrain für uns singen würde. Da ruft er „Oho!“ und „Haha!“ und „Das gefällt den Damen wohl! Aber es kostet natürlich extra!“ Und dazu zwinkert er und wirft übermütig die Gebührenordnung in die Luft und balanciert sie auf seiner Nase, und dann – dann – dann legt er wieder los:

Christine, Christine, auf deiner Knirscherschiene
Reisten meine kühnsten Träume durch die Nacht
Therese, Therese, mit deiner Hüftprothese
Im Mund bin ich heut morgen aufgewacht

Hach, er ist ein Charmeur, ein Kavalier der alten Schule. Jetzt will er, dass wir uns bewegen, und erklärt uns geduldig, wie das geht: „Hier haben wir das Standbein, da das Spielbein und dort das Tanzbein. Legen Sie mal los.“ Oh, aber wir kommen doch nicht hoch, der Behandlungsstuhl hält uns in der Horizontalen. „Mit ein bisschen Konzentration ist diese Übung auch im Liegen möglich. Strengen Sie sich an, meine Damen. Wenn Sie es beide schaffen und ich dabei halbwegs synchrone Abläufe beobachte, dann läge es immerhin im Bereich des Möglichen, dass ich –“ Was, Herr Doktor? Würden Sie dann etwa – ein letztes Mal – ?
„Jetzt zeigen Sie mir erst, was Sie können. Danach lassen Sie sich überraschen. “
Wir schaffen es! Schauen Sie, wir schaffen es!
„Das ist ja in der Tat schon eine ganz ordentliche Leistung.“
Er sieht zufrieden aus. Er wirft den Kopf zurück – sein Brustkorb weitet, seine Lippen öffnen sich:

Susanne, Susanne, in deiner Bettpfanne
Brätst du ein British Breakfast für uns zwei
Maragretha, Margaretha, und durch deinen Katheter
Schlürfe ich Mojito, Caipi und Mai-Tai

Und wer bist du, junger Hüpfer im Bruchbandschlüpfer
Ich glaub, du hast heut Abend für mich Zeit
Ich bin der beste Arzt weit und breit
Jawohl, der beste Arzt weit und breit

„Sag mir bitte, Therese: Wer sind diese Frauen, von denen er singt? Therese?“
„Christine?“

Im Kernspintomographen ist das Licht ausgegangen.
Die Sprechstunde ist vorbei.

(2002)

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From → Föntexte

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