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Pulpería

17/03/2013

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In San Antonio de Areco ist die Zeit stehengeblieben. Wann genau, ist schwer zu sagen, aber 80 Jahre wird es schon her sein. Lange genug jedenfalls, um einen Mythos zu konservieren. Den Mythos vom Gaucho-Land, den Mythos der Pampa. Das Städtchen liegt in Reichweite eines Tagesausflugs von Buenos Aires, und viele Bewohner der Metropole nutzen die Sommerwochenenden, um sich hier ein bisschen von der Gegenwart zu kurieren. Oder sie rufen, wie Lidia und Ana, erschrocken aus: „Was willst du denn in San Antonio de Areco? Das ist doch auf dem Land!“

„Auf dem Land“ bedeutet hier noch, sobald man den Ort verlässt, tröstliches Grasgrün bis zum Horizont mit malerisch verstreuten Tieren, bei denen es sich, wenn es keine Rinder sind, nur um Pferde handeln kann. Balsam für die argentinische Seele. Anderswo sieht die Pampa längst nicht mehr aus wie die Pampa, anderswo ist das unermessliche Weideland in eine monströse Soja-Monokultur verwandelt worden. Und an den Rändern der Felder plustern sich die Plakate der Agrarkonzerne, die dort ihr genmanipuliertes Saatgut durchgesetzt haben, neben denen der Chemiekonzerne, die den verbleibenden Bedarf an Pestiziden decken. Die Viehzucht ist mittlerweile sosehr auf dem Rückzug, dass Rindfleisch aus Brasilien importiert werden muss, und als Weltmeister in dessen Pro-Kopf-Verzehr hat der unscheinbare Nachbar Uruguay Argentinien abgehängt. Und die Präsidentin, bekannt für bizarre politische Manöver, hat ihrem Volk unlängst ans Herz gelegt, Schweinefleisch zu essen.

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Von alldem ist in San Antonio de Areco nichts zu bemerken, erst recht nicht, wenn man außerhalb der Hauptsaison und unter der Woche kommt. Am schönsten ist es in der Pulpería. Pulpería hießen zu der Zeit, als die Pampa noch Pampa war, die Kombinationen aus Kneipe und Kramladen, wo sich abends die Gauchos zum Saufen und Raufen trafen und morgens die Dienstmädchen der Estancias einkaufen gingen. Heute steht hier noch das ganze Sortiment von damals in den Regalen, die Theke ist immer noch hoch genug, um den Wirt bei einer Schießerei schnell abtauchen zu lassen. Man kann sich auf die schmiedeeisernen Stühle von damals setzen, in diesem kleinen Museum des täglichen Bedarfs ein Quilmes trinken und eine Picada essen. Und aus den Lautsprechern klingt die Stimme von Jorge Cafrune, dem ergreifendsten der argentinischen Folkloresänger, der zu Pferd mit seiner Gitarre durch das ganze riesige Land tourte, um auf den Dorfplätzen sein Repertoire zum Besten zu geben und sich von den Leuten ihre eigenen Lieder vorsingen zu lassen. Auf einer dieser Touren ließ die Militärregierung ihn und sein Pferd von einem Lastwagen zu Tode fahren, aber das war 1978, also lange nachdem in San Antonio de Areco die Zeit stehen blieb.

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