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Willy

17/03/2013

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In einem Straßeneckenladen in Rosario habe ich mir gerade eine Flasche Wein ausgesucht, um sie, wie es mein Reiseführer empfiehlt, auf der zwölfstündigen Nachtbusfahrt zu trinken, die mir heute noch bevorsteht. Da spricht mich ein leicht zerknautschter Mann an und überredet mich, nicht den Wein zu kaufen, den ich ausgesucht habe, sondern einen billigeren. Der sei gut, ich könne ihm glauben. Eingeleitet hat er das kleine Gespräch natürlich mit der Frage „Woher kommst du?“, denn mit diesen Worten kann man in Argentinien immer und überall eine Unterhaltung mit Fremden anfangen. Als ich bezahlt habe, fragt er mich, ob ich noch ein bisschen Zeit hätte, er würde mir gerne seine Bar zeigen, gleich hier in der Straße. Er sei Willy, sagt er draußen, er stamme aus Paraguay. DieBar aber habe er nach seinem besten Freund benannt, Evaristo, einem Italiener. Er kenne nämlich Europa ganz gut.

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Wir sitzen vor dem Evaristo auf dem Gehsteig. Willy hat einen Plastiktisch und ein paar Biere rausgestellt, zwei weitere Paraguayer sind dazugekommen, und Willy fängt an zu erzählen. Wie sie ihn vor ein paar Monaten an der französisch-spanischen Grenze schnappten, ohne Papiere, und wie er dann 23 Tage einsaß. Zwanzig Nationalitäten im Abschiebeknast von Perpignan, viele vor Verzweiflung lebensmüde, vor allem die, die das gesamte Ersparte ihrer Familien für die Illusion vom Geldverdienen in der Fremde drangegeben hatte. Auch Willys Hoffnung war gebrochen („Erst beuten sie dich 14 Stunden am Tag auf dem Bau aus, dann berauben sie dich deiner Freiheit“), doch er trug ein Marienbildnis aus Lourdes und einen Rosenkranz aus dem Vatikan bei sich. Er begann zu beten und sich zu bekreuzigen, und bald machten alle anderen mit, auch die vielen Marokkaner und „Mohren“, wie Willy sie nennt. „Ob Muslim oder Katholik, im Knast gibt es keine Religion. Ich habe ihnen allen von Gott und von der Jungfrau erzählt. Jeden Abend, so gut ich konnte. Die Jungfrau hat mir die Kraft gegeben.“

Das berichtet er mit leuchtenden Augen, aber gleich danach wird er wieder traurig. „Siehst du, wir behandeln hier in Südamerika die Europäer gut. Wir sprechen sie freundlich an und laden sie auf ein Bier ein. Aber wie behandeln die Europäer uns?“

Die Sonne sinkt über Rosario, der schönsten Stadt, die ich in Argentinien gesehen habe. Ich muss zum Busbahnhof. Willy und ich bleiben in Kontakt, er will mir seine Geschichte auf DVD sprechen, ein Freund werde ihn filmen. „Dann siehst du, ob du was draus machen kannst.“ Gerne, Willy.

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