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3. September: Linda

22/03/2013

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Shenja sieht aus wie ein Türsteher. Er spielt Tuba im philharmonischen Orchester. Er ist einer der liebenswürdigsten Menschen auf der Welt. Und weil man mit diesen drei Eigenschaften in Krasnojarsk seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten kann, fährt er Taxi. Er selbst drückt es etwas anders aus: das Schild auf dem Dach sei das einzige Mittel, um mit einem verbeulten Shiguli, wie er ihn steuert, nicht dauernd von der Straßenpolizei drangsaliert zu werden. Ab und zu sagt er auch etwas auf Deutsch, denn sein Orchester hatte vor Jahren ein kurzes Gastspiel am Rhein. „Wie gefallen dir russische Autobahnen und Bundesstraßen?“ Solche Sätze kommen von ihm so unvermittelt wie akzentfrei.

Shenja bringt uns zu den Stolby. Die Stolby sind in Krasnojarsk das Naturwunder vor der Haustür. Dazu gleich mehr, erst halten wir an noch einem Markt, um Wegzehrung zu kaufen. Shenja lehnt sich solange an sein Auto und raucht. Als wir zu ihm zurückkommen, hat er einen Hund – eine Kurzhaardackelin, die rehäugig und verloren an der Ausfallstraße herumtrippelte. Nun sitzt sie auf Shenjas Schoß mit am Steuer und isst Piroggen. Er lacht und sagt, er mache sich Sorgen, wie seine Frau reagieren werde, aber er ruft sie nicht an, es soll eine Überraschung sein. Und mit diesen Worten ist es perfekt, das Idyll vom Hünen mit dem Hündchen. Wir können darauf anstoßen.

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Wobei man in Sibirien durchaus immer mal ermahnt wird, man solle auf dem Klischee vom Alkoholismus nicht zu sehr herumreiten. Also: Wodka gibt es an diesem Wandertag nur für die Geister. Für die Sterblichen befinden sich einige Tetrapaks „Serbischer Roter“ im Proviant.

Stolby heißt Säulen, und es handelt sich um Felstürme, die unweit des östlichen Jenissej-Ufers aus der Taiga aufragen. Seit 250 Jahren werden sie beklettert, eine eigene Sportart und Lebensform ist daraus geworden, der Stolbismus. Aussichtslos, ihn als Kurzbesucher zu ergründen, aber seine Bestandteile scheinen Outdoor-Drang, Freiheitsliebe, Todesverachtung (wer als Stolbist was auf sich hält, klettert niemals mit Sicherung) und Freude am Fabulieren zu sein – die Stolby-Storys sind in der sibirischen Folklore ein Genre für sich.

Uns führt Pawel, genannt Pascha, sehr geduldig zwischen den Felsen herum, ein bärtiger Naturbursche, im Alltag Elektriker. Heute herrscht wenig Betrieb, es ist kühl für die Jahreszeit und morgens hat es noch geregnet. Jeder Stolb hat eine unverwechselbare Gestalt, eine Nummer und einen oder mehrere Namen: der Elefant, der Löwe, der Olymp, die Federn, der Großvater. Auf einige der zugänglicheren Exemplare lässt uns Pascha hinaufsteigen. Es ist toll, das zu tun. Sogar unvergesslich. Ich würde zwar nicht sagen, dass die Stolby etwas grundsätzlich anderes sind als zum Beispiel die Felstürme im Elbsandsteingebirge. Aber einen großen Unterschied gibt es doch. Du stehst auf einem Stolb, bei prächtiger Fernsicht, und du schaust in die Taiga. Du siehst Wald. Und Wald. Und nichts als Wald. Und dahinter noch mehr Wald. Keine Autobahnen und Bundesstraßen, keine Orte, keine Äcker. Sondern die Welt, wie sie war, bevor wir dazukamen.

Auf dem Parkplatz am Eingang zum Naturpark erwarten uns Shenja und die Dackelin schon. Er hat sie Linda genannt. Seine Frau hat keinen Ärger gemacht.

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