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5. September: Eisprinzessin

22/03/2013

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Nowosibirsk ist eine großartige Stadt – oder wird es gerade. Vielleicht spricht sich das in den nächsten Jahren herum, falls nicht die Wirtschaftskrise oder irgendein Muskelspiel von Putin diese putzige Spielart der Globalisierung verhagelt. In Nowosibirsk gibt es elegante Lokale, zum Beispiel das Tschaschka Kofje, und ein Wasserpfeifen-Café mit umwerfend guten arabischen Näschereien (das Kardamon). Und Nowosibirsk hat riesige feinsandige Strände. Am Obskoje More liegen die, am Ob-Meer. Jetzt ist die Saison schon vorbei, keine Beschallung und Gastronomie mehr, auch Samstagnachmittags bleiben die Buden zu, es wird noch ein bisschen geplanscht, gepaddelt und Beachvolleyball gespielt. Das Wetter hat sich erholt, ist spätsommerlich mild – so gehöre es sich um diese Jahreszeit, versichern die Einheimischen. Ach so: das Ob-Meer ist in Wirklichkeit ein gewaltiger Stausee. Solche Details vergisst man schnell, wenn man am Strand döst.

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Vorher haben wir die Eisprinzessin besucht. Sie liegt ganz in der Nähe, im archäologischen Museum von Akademgorodok, und Tschyltys wollte sie unbedingt sehen. Akademgorodok, das Wissenschaftsstädtchen von Nowosibirsk, ein Plattenbau-Idyll inmitten der Birken- und Pinienwälder am Stausee, gilt als das Gehirn Sibiriens. Silicon Taiga nannten es die New-Economy-Witzbolde. Die Eisprinzessin ist eine jung verstorbene Adlige aus dem Altai-Gebirge, die vor Jahrtausenden einbalsamiert und aufwändig bestattet wurde. Tschyltys, die schorische Sängerin, betrachtet die schöne Mumie als Urahnin aus der glanzvollen Frühzeit der Turkvölker und empfindet ihre Aufbahrung in so sprödem Ambiente fern der Heimat als Sakrileg. Bloß gebe es für sie zuhause im Altai bisher keinen Raum, in dem sie nicht zu Staub zerfallen würde, kontert lächelnd der Gelehrte, der uns das Museum zeigt. Er fügt noch hinzu, dass man über eine Verlegung der Prinzessin leider nicht hier bestimmen dürfe. Die Entscheidung liege bei der Politik. Wahrscheinlich gar in Moskau. Moskau, ach. So können wir verständnisvoll zurück ans Tageslicht und ans Staumeer gehen. Tschyltys aber sitzt dann die ganze Zeit stumm am Wasser und grübelt und smst.

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