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7. September: Wiener

22/03/2013

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In Sinij Utjos, einem Vorort der Stadt Tomsk, nehmen ein paar Leute ihr Handwerk sehr ernst. Sie arbeiten in einem kleinen Betrieb und gelten als verschworene Gemeinschaft. Ihr Erzeugnis muss schnell verbraucht werden, binnen 30 Tagen nach der Herstellung, es ist weder gefiltert noch pasteurisiert. Shiwoje, lebendig, nennt man es auf Russisch. Die Rede ist vom Bier. Von einem so köstlichen Bier, wie man es in dieser Weltgegend nicht vermuten würde. Und wie man es auch immer noch nicht vermutet, wenn man es als Uneingeweihter vor sich sieht. Lebendiges Bier wird, so ist es Brauch, entweder direkt vom Fass oder aber in braunen Plastikflaschen verkauft, die nichts Gutes verheißen. Zum Glück hat uns Kostja aufgeklärt, unser Gastgeber in Tomsk – als Sänger und Musiker auf Volkslieder aus Tuwa an der mongolischen Grenze spezialisiert, zugleich ein großer Verfechter seiner Heimatstadt, die die schönste Sibiriens sein soll.

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Kostja hat allerdings eine sehr dezente, beiläufige Art, Dinge anzupreisen; reiner Zufall, dass wir uns rechtzeitig an seinen Rat erinnern. Es ist unser zweiter Tag in Tomsk, und wir haben einen langen Spaziergang durch die Altstadt hinter uns, die, zumal an einem so sonnigen Tag, wirklich eine Augenweide ist. Alle Häuser aus schwarzbraunem Holz, mit bunten, filigran geschnitzten Fensterrahmen hinter üppigen Blumengärten. Dass zwei Halbwüchsige auf abschüssiger Staubpiste das Letzte aus einem alten Lada herausprügeln und uns beinahe auf dem Gewissen haben, kann man bei soviel Anmut schon in Kauf nehmen. Wir retten uns in einen Kiosk, und da heißt es uns willkommen, das Bier. Aus unerfindlichen Gründen heißt es „Wenskoje“, also „Wiener“. Und wenn man auf der Plastikflasche das Etikett genauer anschaut, ahnt man doch, dass etwas Gutes drin sein muss. Da ist ein Bär abgebildet, der zärtlich-beseelt einen Bierkrug in den Tatzen hält. Und der ist nicht irgendein Bär, nein, dieser Bär ist ein Kenner, dem kann man nichts vormachen, das sieht man.

Später erfahre ich, dass man in Tomsk den 19. September als Tag des Bieres begeht – ein Feiertag zu Ehren der örtlichen Brauereien. Da bin ich aber schon zurück in Deutschland, und von Wenskoje bleibt mir nur das Bärenetikett, das ich als Andenken von der Flasche gelöst habe.

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