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9. September: 225 Tonnen

22/03/2013

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Der Tagebau ist eine feierliche Angelegenheit. Zumindest wenn man nicht dort arbeitet. Vielleicht auch wenn man dort arbeitet. Schon als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal in Kemerowo war, hörte ich immer wieder: Den Tagebau, den solltest du dir anschauen. Ich stellte aber fest, dass niemand, der mir das empfahl, selbst dort gewesen war. Das sei sehr schwierig, hieß es. Der Tagebau schien also nicht nur feierlich, sondern obendrein geheim zu sein.

Aber Lena und Natascha vom Sprachlernzentrum haben die nötigen Kontakte. Auch sie kamen gleich mit der Frage an, ob wir den Tagebau sehen wollten, wir riefen: Ja, natürlich!, und glaubten damit die rhetorische Konvention erfüllt zu haben. Doch simsalabim tragen wir weiße Helme auf den Köpfen, sind von einem stellvertretenden Direktor mit einer Geschenktüte und von einem netten Lokalpolitiker mit einer kleinen Rede über Völkerverständigung begrüßt worden, und nun begleitet uns Sergej, der hier früher selbst Bergmann war und heute in der Verwaltung arbeitet, in die Mondlandschaft von Kedrowskij Rasrjes, dem Tagebau von Kedrowka. Ein maßloser grauer Krater, als wäre zum Taiga-Erlebnis der Stolby noch das Kontrastprogramm fällig gewesen. Seit 35 Jahren wird hier gefördert, für 15 Jahre reicht die Kohle noch. Anschließend soll renaturiert werden, sagt Sergej. Falls dafür Kohle da ist.

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Vorerst aber herrscht in Kedrowskij Rasrjes weiter der Bjelas. Er kommt von weither, aus Weißrussland, und wenn er losgelassen wird, kann die Natur einpacken. Wobei das Verhältnis zur Natur in Sibirien ja allgemein kein besonders zärtliches ist – beiderseitig. Bjelas heißen also die monströsen Muldenkipper, mit denen der ausgebaggerte Boden weggeschafft wird. Und Sergej proudly presents: den 225-Tonner. Der hält, gerade aus der Grube aufgestiegen, in höflichem Abstand zu uns an, lässt die donnernden Triebwerke verstummen und sich dann gutmütig fotografieren. Triumph der Technik. Und klar, man könnte nun umweltschützerisch korrekt behaupten, dass man ihn widerlich finde. Das wäre bloß gelogen. Sonst würde man ihn ja nicht wie ein kleines Kind anstaunen und ein Foto nach dem anderen machen. Hundert Liter Diesel verfeuert er stündlich, aber nur weil er einen Teil seiner Kraft noch aus einem zusätzlichen Elektromotor bezieht. Und dass wir heute mit ihm Vorlieb nehmen müssen, liegt daran, dass der 360-Tonner gerade in Reparatur ist.

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