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Schreiben und Reisen

27/10/2013

(28. Oktober 2010)

Vor vielen Jahren machte die Onlinezeitschrift Parapluie ein gemeinsames Interview mit Ilja Trojanow und mir, das sich unter diesem Link nachlesen lässt. Es ging vor allem um das Reisen bzw. das Schreiben übers Reisen. Für Ilja Trojanow war damals schon klar, dass genau dies sein großes Thema ist. Für mich noch nicht, ich wunderte mich eher, dass man mich dazu befragte. Erst in dem Gespräch fiel mir auf, was für eine wichtige Rolle das Reisen schon in meinem ersten und damals noch einzigen Roman Plüsch spielte. Der Erzähler begnügte sich noch mit Barcelona als Sehnsuchtsort, aber andere Hauptfiguren zog es bereits viel weiter.

Mittlerweile komme ich mir selbst manchmal wie ein Reiseschriftsteller vor. Geplant war das nicht, es hat sich so ergeben. Erst schrieb ich ein Buch für Reisende, die Gebrauchsanweisung für Katalonien. Danach einen Roman, der seinen Helden tief nach Sibirien hineinführt. Und zuletzt mit Landungen einen Roman, der zu weiten Teilen unter Argentinienauswanderern spielt.

Natürlich kann man das Thema mit dem Hinweis erledigen, dass Romane fast immer vom Reisen handeln. Es ist ja geradezu ein Gattungsmerkmal. Aber hier will ich mich trotzdem noch ein bisschen über mein eigenes Verhältnis zum Reisen und Schreiben äußern.

Katalonien

Im Herbst 1995 landete ich als Erasmus-Student in Barcelona, nicht weil es gerade in Mode kam, sondern weil ich für alle anderen Programme die Anmeldefristen versäumt hatte. Zum Glück. Danach gaben erst die Liebe, danach die Recherchen für meine nie geschriebene Doktorarbeit jahrelang gute Gründe ab, immer wieder nach Barcelona zurückzukehren. Und nicht nur dorthin, es ergab sich vor allem über Freundschaften, dass ich mehr und mehr auch vom Rest des Landes sah.

Des Landes? Ich mag Spanien sehr, mich interessieren Eigenheiten, ich halte nicht viel vom Konzept des Nationalstaats. Mit dem katalanischen Separatismus sympathisiere ich nicht, aber noch weniger mit der Haltung, Spanien solle als möglichst einsprachiges, kulturell möglichst einförmiges, an Madrid und das kastilische Kernland angeglichenes Gebilde auftreten. Ich habe die beiden in Katalonien gebräuchlichen Sprachen gelernt, Katalanisch und Kastilisch, und sehe für jemanden, der dort lebt, eine ausgewiesene Lernschwäche als einzig akzeptablen Grund, dies nicht zu tun.

Katalonien als Reiseland bedeutete für mich aber vor allem eine persönliche Konkretisierung des „Mediterranen“. Denn gerade indem man seinen Blick für das Eigenartige schärft, bekommt man ja ein Gefühl für das Übergreifende. Katalonien ist einer von zig kleinen Kulturräumen rund um das Mittelmeer, ein jeder mit seinen zig Besonderheiten, zugleich alle mit einer großen Gemeinsamkeit – diesem Meer, diesem Klima, dieser Vegetation, dieser jahrtausendelangen Geschichte von Seefahrt und Eroberung, von Handel und Tausch, von Vermischung und Abgrenzung, von Fernweh und Heimweh, von Wein, Olivenöl und Weizenmehl. Und mindestens in der Hinsicht gleicht das Mittelmeer der Literatur: ein Thema, auf das es dich immer wieder bringt, ist das Reisen.

Katalonien ist für mich also auch das, was für meine Landsleute traditionell die Toskana oder die Provence ist. In Katalonien habe ich das Reisen gelernt. Auch das Schreiben über das Reisen. Erste Beispiele finden sich (noch eher ungelenk, würde ich sagen) schon in ein paar Geschichten meines Debüts Henry Silber geht zu Ende. In Plüsch wurde das Reisen bereits zu einem der Hauptgegenstände, ohne dass ich es mir selbst klarmachte oder zugestand. Und weiter ging es und in ganz andere Gegenden. Eine große Freude war es mir, Jahre später die Gebrauchsanweisung für Katalonien zu schreiben. Damit machte mich das Land, das mir das Schreiben übers Reisen beibrachte, auch zum Reisebuchautor im klassischen Sinn.

Nach Osten

Es begann, wie so vieles, mit der Gruppe Fön. Die Robert-Bosch-Stiftung war auf unser Wirken und unser didaktisches Potential aufmerksam geworden und schickte uns im März 2004 auf eine kleine Tour in die Slowakei. Eine Entscheidung, für die ich sehr dankbar bin. Jahrelang war mein Reiseinteresse starr nach Westen und Süden gerichtet gewesen, die Therme von Bad Saarow der östlichste Punkt, bis zu dem ich vorgedrungen war (um des rhetorischen Effekts willen lasse ich hier zwei frühe Griechenlandurlaube unter den Tisch fallen). Menschen mit Ostdrang begegnete ich aufgeschlossen, doch sie schienen mir schlicht einen anderen Geschmack zu haben als ich. Nun bereisten wir also die Slowakei, von Bratislava bis nach Prešov, unweit der ukrainischen Grenze, und ich war bezaubert. Was wir dort machten? Abends Auftritte, tagsüber Schreibworkshops mit Schülern und Germanistikstudent/innen. Aber erstens ist gerade dies eine besonders privilegierte Art des Reisens: Überall, wo man Station macht, ist man mindestens für einen Tag Teil einer dortigen Wirklichkeit und nicht bloß Tourist, der außen steht. Zweitens blieb neben den Terminen genug Zeit, um sich umzuschauen, und ich konnte ein erstes Gefühl für Mitteleuropa entwickeln (was für mich vorher, wie für die meisten Westdeutschen, ein ziemlich hohler Begriff gewesen war, erstarrt in Lehrersprüchen wie „Jetzt setz dich mal hin wie ein zivilisierter Mitteleuropäer“) – und außerdem eine so plötzliche wie hartnäckige Neugier auf das, was jenseits dieses Mitteleuropas liegt. Eine Woche Slowakei reichte aus, um aus mir selbst einen Menschen mit Ostdrang zu machen. Dass ich als 20jähriger mal ein bisschen von der Transsibirischen Eisenbahn geträumt hatte, war mir unterdessen gründlich entfallen gewesen.

Zum Glück endete die Fürsorglichkeit der Robert-Bosch-Stiftung nicht mit dieser einen Tour, und auch die Goethe-Institute fingen an, Fön zu buchen. Einige Jahre lang wurden wir immer wieder in den Osten geschickt, nach Ungarn, nach Polen, nach Tschechien, nach Rumänien (das war die schönste dieser Reisen, ich war danach so berauscht, dass ich eine Liebeserklärung an Rumänien schrieb, die ich vielleicht gelegentlich auch hier veröffentlichen werde), auch mal in die Ukraine und nach Lettland.

Im Dezember 2006 kamen wir nach St. Petersburg. Und damit begann wieder ein neues Kapitel.

Ein neues Kapitel

Ich glaube, diese Ostreisen haben, sosehr sie mich persönlich prägten oder „weiterbrachten“, in meinen Büchern kaum Spuren hinterlassen. Allenfalls, sehr dezent, in K. L. McCoy – Mein Leben als Fön, dem Abenteuerroman, den wir zu viert schrieben und der zum Teil nach der Slowakei-Tour entstand. Davon abgesehen arbeitete ich in der Zeit erst an meinem Roman Achter Achter, der zwar auf seine Weise mehr von Fernweh handelt als jedes andere meiner Bücher, aber wenig vom Reisen selbst; und danach an der Gebrauchsanweisung für Katalonien. Mit ihr war ich gerade fertig geworden, als Fön nach Petersburg flog.

Der Auftritt dort war unser erster und, soweit ich mich erinnere, einziger mit Nebelmaschine. Und der mit dem schönsten Auftrittsortsnamen: Wir spielten im Palast der lernenden Jugend.

Also weiter. Nach Sibirien. Mit einem „Grenzgänger“-Stipendium. Über diese Reise im August 2007 habe ich an anderer Stelle schon ein wenig geschrieben. Ich verdanke ihr meinen Roman Der Neuling. In dem Fall floss also nicht eine Reise in ein Buch ein, sondern die Reise gab das Buch. Ich hatte, bevor ich aufbrach, ein grobes Gerüst für die Geschichte im Kopf, die Hauptfigur Matthias Bleuel war schon da, samt Modeversandhaus und Dienstreise und der Idee, dass er sich in eine schorische Sängerin verlieben sollte – worauf mich wiederum die Lieder der schorischen Sängerin Tschyltys aus dem wirklichen Leben gebracht hatten. Ich plante das Ganze als Novelle von vielleicht 120 oder, luftig gesetzt, 150 Seiten.

Was aus dem Neuling dann einen Roman von fast 300 Seiten machte, waren die Reiseerlebnisse. Ich kam nicht nur mit einer unverhofften Fülle von Eindrücken und Erfahrungen aus Sibirien zurück, sondern auch mit einer unverhofften Fülle von Material für die Bleuel-Geschichte. Beides ist nicht miteinander zu verwechseln. (Leider leben wir ja in einer Zeit, in der sich solche Binsenweisheiten selbst bis zu manchen Rezensenten noch nicht herumgesprochen haben; wobei der Neuling in dieser Hinsicht ziemliches Glück hatte.) „Authentisch“ im verbreiteten, irreführenden Sinn sind in diesem Roman vor allem die Schauplätze: Jeden seiner sibirischen Handlungsorte kann man tatsächlich aufsuchen. Manche Namen – etwa den des Hotels, in dem Bleuel absteigt, oder den des Bergwerks-Restaurants – habe ich geändert, aber sonst nicht viel. Dagegen ist das Personal des Romans ebenso wie seine Handlung selbstverständlich fiktiv. Namentlich der Protagonist hat mit seinem Autor so wenig gemeinsam wie kaum eine andere meiner bisherigen Figuren. Und alles, was an „Gelebtem“ in Matthias Bleuels Geschichte eingeflossen sein mag, hat den üblichen Umformungsprozess durchlaufen, ohne den nichts (egal, ob Autobiografisches, Aufgefundenes oder rein Ausgedachtes) Literatur werden kann. Ohne meine Reise nach Sibirien hätte es den Roman nicht gegeben. Aber das ist auch alles, was sie mit der Sibirienreise im Roman zu tun hat.

Argentinien

Nun ist er auf den Geschmack gekommen und sucht sich für den nächsten Roman ein noch weiter entferntes Reiseziel aus. Könnte man meinen, stimmt aber nicht. Ein erstes Exposé zu Landungen schrieb ich schon im Sommer 2006 (zwischen Rumänien und Petersburg sozusagen, und noch während meiner Arbeit an der Gebrauchsanweisung für Katalonien), und auf die Idee brachte mich, ganz klassisch, die eigene Familiengeschichte. Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten einige meiner Vorfahren in die argentinische Provinz Santa Fe aus und versuchten einen Neubeginn als Schaf- und Rinderzüchter. Sie hinterließen knappe Lebenserinnerungen, und seit ich diese Aufzeichnungen kannte, hatte ich vor, sie für einen Roman zu nutzen.

Doch kaum fing ich mit ernstlichen Recherchen dafür an, schob sich der Neuling dazwischen. Es war mir plötzlich dringender, Matthias Bleuels sibirische Liebesgeschichte zu schreiben, als den Argentinienroman. Eine gute Entscheidung, wie ich finde. Der Verlag sah es anders. Die Enttäuschung bei Kiepenheuer & Witsch darüber, dass ich nun doch noch nicht das Auswandererfamilienepos abliefern wollte, stattdessen mit einem eher stillen und vergleichsweise sperrigen Stoff ankam (die Selbstfindungsromanze eines Stuttgarter Angestellten an einem „Angst-Ort“ wie Sibirien anzusiedeln, wirkte wohl nicht wie ein kommerzieller Kunstgriff), war einer der Gründe, warum ich es vorzog, mit dem Neuling zu Kein & Aber zu wechseln. Dass ausgerechnet dieser Roman mein bisher am besten und breitesten besprochenes Buch wurde, zudem das erste, das verfilmt werden soll, war ja nicht absehbar.


Ebenso wenig war (zumindest für mich) absehbar, dass man Argentinien als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2010 auswählte. Als ich das erfuhr, saß ich mitten im Neuling. Dass ich die Landungen dann, obwohl sie von meinen bisherigen Büchern das aufwändigste sind, rechtzeitig zum Herbst 2010 fertig schreiben konnte, erstaunt mich selbst. Es ist ihnen, glaube ich, gut bekommen, vorher in Ruhe ausgebrütet zu werden. Soweit ich es beurteilen kann, habe ich trotz der Eile beim Schreiben keine Kompromisse gemacht.

Und, zurück zum Thema, natürlich gäbe es die Landungen nicht ohne Argentinienreisen. Meine eigene unternahm ich allerdings erst, als vom Text schon nicht mehr viel fehlte. Mal aus organisatorischen, mal aus finanziellen Gründen hatte ich sie immer wieder aufschieben müssen und kam mir fast vor wie ein Karl May mit Internet (abgesehen davon, dass nur ein Drittel des Romans in Argentinien spielt).

Mit der Geschichte meiner ausgewanderten Vorfahren hat die Geschichte, die ich in Landungen erzähle, wenig zu tun, aber als Quelle zum Leben der Estancieros im 19. Jahrhundert waren ihre Aufzeichnungen für mich sehr wertvoll. Meine eigene Reise half mir dann vor allem, Lücken im vorher Geschriebenen zu füllen, der Geschichte Fleisch zu geben (eine Fleischmetapher muss schon sein, wenn wir über Argentinien reden) – und den Schluss des Romans zu finden, was ja nicht zu unterschätzen ist. Ein Roman mit einem schlechten Schluss kann kein guter Roman sein.

Wie es weitergehen könnte

Auch abgesehen davon, dass ich dort zeitweise auf den Spuren meiner Vorfahren unterwegs war, bedeutete die Argentinienreise für mich in gewissem Sinn eine Rückkehr: zur Reiserichtung Südwesten und zu einer Sprache, die ich kann. Sibirien war für mich ein Experiment mit offenem Ausgang, in Argentinien betrieb ich gezielte Recherche. Ob sich diese Unterschiedlichkeit meiner eigenen Reisen auf den Umgang der beiden Romane mit dem Reisethema ausgewirkt hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich gerne weiter übers Reisen schreiben möchte. Aber auch über vieles andere. Und so wird in meinem nächsten Roman wahrscheinlich, wie schon in Achter Achter, niemand weiter reisen als bis auf die Kanarischen Inseln.

Zurzeit aber kann ich mich nach Osten und Südwesten gleichzeitig bewegen. Ich schreibe das Drehbuch für die Neuling-Verfilmung, bin damit zurück in Sibirien und hoffe, nachdem mir der Roman schon eine großartige zweite Reise dorthin bescherte, nämlich die Lese-Konzerttour gemeinsam mit der Sängerin Tschyltys im September 2009, dass mir der Film den Anlass für ein drittes Mal geben wird. Außerdem übersetze ich für Kiepenheuer & Witsch (denn das Verhältnis zu meinem alten Verlag ist keineswegs zerrüttet) einen wunderbaren katalanischen Roman, Maletes perdudes von Jordi Puntí. Darin geht es um vier Männer aus vier verschiedenen Ländern, die plötzlich feststellen, dass sie Brüder sind, Söhne desselben Vaters, eines rastlosen Reisenden.





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2 Kommentare
  1. Mark permalink

    Als neuer Nordeuropäer fühle ich mich natürlich ausgeschlossen von Deinem ReiseKompass. Aber es ist spannend, etwas mehr über die Hintergründe Deines Schreibens zu erfahren. Gruss aus Stockholm.

    • Vielen Dank, lieber Mark! Aber wenn man sich von ihm ausgeschlossen fühlen kann, heißt das ja nur, dass mein Reisekompass noch sehr unvollständig ist. Alles Gute nach Stockholm!

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