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Was sagen uns Menschentürme?

09/06/2014

Der 8. Juni und die Sache mit Katalonien


Ich war dabei, gestern Mittag auf dem Alexanderplatz, als die katalanische Volkssporttruppe „Xics de Granollers“ dort ihre „Menschentürme für Demokratie“ baute und Pep Guardiola das Manifest „Katalanen wollen wählen“ verlas. Mit dem Fußballhelden als Festredner war der Demonstration breite Medienresonanz gesichert, vor Ort aber fanden sich im Wesentlichen ein paar hundert Berliner Katalanen ein. Denn erst am Tag zuvor und fast ausschließlich über katalanische Netzwerke war die prominente Personalie bekannt gemacht worden.

Immerhin: Durch die Berichterstattung wissen jetzt in Deutschland und auch in anderen Teilen Europas viel mehr Menschen als zuvor, dass Guardiola sich für ein eigenständiges Katalonien einsetzt, und überhaupt dürfte das Bewusstsein dafür, dass die katalanische Unabhängigkeitsbewegung mit der Loslösung von Spanien wirklich Ernst machen will, sprunghaft angestiegen sein. Man kann das als großen PR-Erfolg betrachten. Man kann sich aber auch fragen: Was nimmt das nichtkatalanische Publikum von diesen Veranstaltungen mit (die es ja parallel noch in sieben weiteren europäischen Metropolen gab)?

Ich habe mich in den letzten Jahren vom Kritiker zum vorsichtigen Sympathisanten der Unabhängigkeitsbewegung entwickelt. Allerdings nicht, weil sie mich als politisches Projekt überzeugen würde, sondern weil ich finde, dass die stur konfrontative Politik der Regierung in Madrid Katalonien mittlerweile kaum noch eine andere Wahl lässt, als sich vom spanischen Staat loszusagen. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich darüber einen Artikel für den „Freitag“ geschrieben, dem ich heute nur hinzufügen kann: Es ist noch schlimmer geworden.

Ausgerechnet für den 9. November 2014 streben die katalanischen Independentistes also ihr Referendum für die Unabhängigkeit an. Man darf unterstellen, dass sie dabei keinen symbolischen Bezug zu den deutschen Einheitsfeierlichkeiten suchten. Wie auch immer, außerhalb Spaniens war von dem Anliegen – ebenso wie vom Referendum in Schottland, auf das sich die Katalanen berufen – in letzter Zeit nicht mehr viel die Rede. Andere territoriale Verschiebungen und politische Verwerfungen bestimmen die internationalen Meldungen. Wenn es um Referenden geht, sind damit fragwürdige Legitimationsinszenierungen auf der Krim oder in der Ostukraine gemeint. Dass derweil in Katalonien ein ohne Zweifel demokratischer Prozess zur Durchsetzung eines Referendums in seine entscheidende Phase eintritt, wird kaum wahrgenommen.

Darum also der 8. Juni, mit Manifest und Menschentürmen. Und mit Pep. Der Katalanismus hat an seiner Außendarstellung gearbeitet: Wo er bis vor ein paar Jahren noch unbefangen oder selbstvergessen mit Begriffen wie „Volk“ und „Nation“ um sich warf und damit potentielle Unterstützer im aufgeklärten Europa, dem er sich zurechnet, von vornherein abschreckte, argumentiert er heute mit dem Recht auf Selbstbestimmung, auf freie Wahl.

Eigentlich ein geschickter Strategiewechsel, und trotzdem haben wir hier den Haken. In dem auf Deutsch entmutigend sperrig formulierten Manifest „Katalanen wollen wählen“, das Guardiola gestern auf dem Alexanderplatz vortrug, wird das Referendum begrifflich gleichgesetzt mit einer freien Wahl, zu der die Katalanen bisher nicht berechtigt seien. Nun kann und sollte man gegen den spanischen Staat und erst recht gegen die amtierende PP-Regierung und ihr Demokratieverständnis vieles sagen – nicht jedoch, dass es in diesem Staat keine freien Wahlen gebe. Dem uninformierten Beobachter müssen spanische Staatsbürger, die ihr demokratisches Wahlrecht einklagen, bei aller Bewunderung für die Castells (Menschentürme) wie seltsame Sektierer erscheinen.

Das Anliegen einer Volksabstimmung darüber, ob die heuer genau 300 Jahre zurückliegende kriegerische Annexion eines eigenständigen katalanischen Staates „korrigiert“ werden soll, bleibt bei dieser semantischen Verschiebung (oder Überkodierung) mit einiger Wahrscheinlichkeit auf der Strecke. Stattdessen dürfte, mit dem freundlichen Pep in der Mitte des Gruppenfotos, einmal mehr der Eindruck vorherrschen: Die wirken ja ganz nett, aber warum stellen sie sich so an?

Damit bleibt es auch nach diesem spektakulär sommerlichen Pfingstsonntag beim alten Befund: Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung hat in Europa ein Vermittlungsproblem. Sie hat auf ihren Wunsch nach dem Referendum eindrucksvoll hingewiesen, aber plausibel begründet hat sie ihn leider nicht.

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